Photokina 2012 – Neue Kameras und die Trends der Messe

Den Photokina Samstag habe ich für einen Rundgang auf der Messe genutzt. Welche Kameras zu begeistern wussten, erfahrt Ihr in meinem kleinen Rückblick.

Fotografen sind ja oft Kamera-Geeks. Und obwohl ich beim «gas» (gear acquisition syndrome) halbwegs im Griff habe, bin doch immer begeistert, welche Fortschritte die Kameratechnik macht. Die Photokina ist natürlich Pflicht, um die Gelüste des Kamera-Geeks zu befriedigen.

Die Trends der Photokina 2012

Was sind also die aktuellen Entwicklungen, die das Kamerasegment so durchmacht? Zunächst einmal fällt auf, wie sehr sich die elektronischen Sucher seit der Photokina 2010 weiterentwickelt haben. Inzwischen fange diese an, richtig Spass zu machen, vor allem, wenn sie die Möglichkeiten der Kamera sinnvoll erweitern. Die HUDs bieten inzwischen Live-Histogramme, diverse Fokussierhilfen und Sucherrahmen, wie bei der Fujifilm X-Pro1.

Der Vormarsch der spiegellosen Systemkameras ist weiterhin ungebrochen. Inzwischen scheinen sich die Vorteile dieser Kameratechnik beim Konsumenten rumgesprochen zu haben. Fuji und Sony haben derzeit die Nase vorn in diesem Segment. Für mich ist das nicht weiter verwunderlich: Pioniere wie Panasonic, Samsung und Olympus zeigen einfach nur Kameras, die in meinen Augen austauschbar und langweilig sind. Samsung verbannte seine Systemkameras lieber gleich in der Ecke des riesigen Standes, offenbar setzt man hier eher auf die Konvergenz der Kamera mit dem Handy. Die Samsung Galaxy Camera, der erste Fotoapparat auf Android-Basis, hatte gleich mehrere Tische reserviert.

Nicht nur Samsung zeigte Smartphone-Handy-Hybriden, auch Nokia war mit dem Lumia 920 vertreten. Die Finnen setzen offenbar darauf, dass das Handy bald die «Immerdabei»-Kamera wird und die Kompaktkamera-Klasse langfristig verdrängt. Dafür bringt Nokia derzeit den PureView-Brand in Stellung.

Nächster Trend im Bereich der Spiegellosen: Der nächste Schritt der Hersteller wird in Richtung Sensoren im Kleinbildformat (36x24mm) sein. Fujifilm hat – angeblich – eine solche Kamera bereits im Angebot und die Sony RX1, welche noch ein fest verbautes Objektiv hat, ist ein Vorbote der Entwicklung.

Die Highlights der Photokina

Der Preis für den schönsten Stand geht dieses Jahr eindeutig an Leica. Das solmser Unternehmen hatte eine ganze Halle für sich alleine, etwas abseits des Trubels. Der großzügig angelegte Stand lud zum entspannten Stöbern ein und die Leica Mitarbeiter erklärten dem Laufpublikum gedultsam die Vorzüge der neuen Leicas, wie der Leica M, M-E und X2. Ergänzt wurde der Stand durch eine riesige Fotokunst-Galerie.

Schönste Kamera der Messe war die Sony RX1, ich bin schon sehr gespannt auf erste Hands-On Berichte und Tests der Bildqualität. Sicher diese Kamera wird nicht günstig (>3000 Euro), aber sie sieht einfach unglaublich schick aus.

Apropos schick: Viel Häme musste Hasselblad auf der Photokina für die Hasselblad Lunar einstecken. Hierbei handelt es sich im Kern um eine Sony NEX-7. Allerdings wurde die Kamera durch die Verwendung feinster Materialien veredelt. Die Dame am Stand versicherte mir, dass bei dem Gehäuse kein Plastik verwendet wurde – und wo man Plastik wähnt (z.B. an den Drehknöpfen), handelt es sich um Titan. Auf dem Videoknopf der Lunar sitzt ein Swarovski-Kristall, das geschliffene Glas wird allerdings – wenn schon, denn schon – bis zur Auslieferung durch einen Rubin ersetzt. Das Ganze kostet dann rund 5000 Euro.

Sony RX1, Hasselblad Lunar, Leica M – im Kamerasegment scheint sich eine Luxusklasse zu etablieren, die sich vor allem durch den Preis und nicht durch durchdachte Konzepte und Bild-Qualität absetzt. Wer nicht den Preis eines Kleinwagens beim Kamerakauf hinblättern möchte, sollte auf Fuji oder Sony NEX setzten, sucht er etwas Wertiges, dass seinen Preis auch wert ist.

An den Ständen von Canon und Nikon schaute ich vor allem auf den Zweikampf zwischen Nikon D600 und Canon 6D. Vorläufiges Fazit: Unentschieden, wobei ein wenig anfassen und knipsen keinen Härtetest ersetzt. Da ich von der Canon-Seite komme, schaute ich natürlich bei der 6D genauer hin. Die Kamera wirkt wie eine kleinere Canon 5D Mark3 und so ist sie ja auch positioniert. Nicht so gefallen hat mir das kleinere Gehäuse, das zwar besser in die Hand liegt, als eine Canon 650D, aber die 5D fast sich doch etwas besser an. Ansonsten keine Schwächen erkennbar. Wer Vollformat sucht, kann hier zuschlagen.

Neue Linie mit Vollformat (Kleinbild) Sensor: Die Canon EOS 6D.

Sony hat den Spiegel abgeschafft und setzt nur noch auf elektronische Sucher. So auch bei der Spiegelreflex Alternative, der Sony SLT-99. Sie kommt ebenfalls mit einem Sensor im Kleinbild-Format.

Die Olympus OM-D ist klein und kommt im Retro-Schick daher, hat aber „nur“ einen elektronischen Sucher. Die 12mm Festbrennweite mach einen soliden Eindruck.

Es geht auch noch analog: Auf der Photokina zeigt Fujifilm tatsächlich noch einige Instax-Modelle und positioniert diese als hippes Lifestyle Accessoire in bunten Farben.

Die Fujifilm XF-1 ist eine schöne Kompaktkamera mit einem überdurchschnittlich großen Sensor. Dieser entspricht dem des größeren Bruders, der Fuji X10.

Die Fuji X-E1 ist eine abgespeckte Variante der X-Pro1, wobei ihr das Hauptfeature fehlt: Der Hybrid-Sucher.

Hat jetzt schon Kutlstatus: Die Fuji X-Pro1. Auf der Photokina bereits mit der neuen Firmware 2.0 ausgestattet. Ebenfalls dabei ist das neue Standard-Zoomobjektiv 18-55mm. Wobei die der X-Pro1 eine schöne Festbrennweite wesentlich besser steht…

Die Funktionalität der Samsung Galaxy Camera kann durch Apps erweitert werden. Das Gerät läuft auf Android-Basis.

Die Samsung Galaxy Camera kommt in mehr oder weniger schönen Farben daher.

Standard-Kost bot sich am Samsung Stand. Die NX210 unterscheidet sich so gut wie gar nicht von ihrem Vorgänger und reißt niemanden vom Hocker. Das neue Weitwinkelzoom von Samsung wurde gar nicht gezeigt.

Sony überraschte mit der Vollformat Kompaktkamera RX1. Die spannendste Kamera der Photokina 2012.

Keine Überraschungen bei der Sony SLT-99.

Im Bereich Blitzzubehör boomt der Markt. Wer Outdoor seitliches Licht braucht, für den könnte dieses Zubehör namens Bounce Wall etwas sein. Das ganze kostet knapp 100 Euro und kommt im Voll-Plastik daher. Ich bleibe erst einmal bei portabler Softbox oder Gary Fong…

Seit diesem Jahr ist die Harmann Titan erhältlich, einer Lochkamera mit der man Film-Negative oder im Direktpositiv-Verfahren Prints erstellen kann. Hier ist der Prototyp der 8×10″ Version zu sehen. Dafür würde ich die Dunkelkammer wieder aufbauen!

Für Fachpresse und Publikum war die Hasselblad Lunar der Aufreger der Messe. Ob die Kamera mehr ist, als eine gerebrandete Sony NEX-7, muss sie erst beweisen.

Das Nokia Lumia 920 Smartphone wurde nur ungern aus der Hand gegeben. Das Vorserienmodell lief aber bereits auf Windows Phone 8 und besticht vor allem durch sein PureView Objektiv.

Die Leica X2 ist in vielen bunten Farben erhältlich und sieht dabei sogar richtig gut aus.

Noch einmal die Leica X2, dieses Mal mit aufgesetztem digitalem Sucher und ausgeklappten Blitz. Ein echtes Schmuckstück.

Der Nachfolger der M9.

Walker Evans Retrospektive – Photoszene Köln

Nach der Photokina besuchte ich die Walker Evans Retrospektive Decade by Decade in der SK Stiftung Kultur. Der Besuch war eine sehr willkommene Abwechslung zur Hektik und Lautstärke der Photokina. Und während draußen im MediaPark kreischende Jugendliche einer amerikanischen Boyband zujubelten (und dabei fast eine Massenpanik auslösten) war ich ganz allein in der Ausstellung und konnte die Arbeiten Evans`in vollen Zügen genießen.

Die Retrospektive gibt einen Überblick über das Lebenswerk des wohl bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und wer wie ich nur die Standardwerke American Photographs und Let Us Now Praise Famous Men kennt, wird hier neue Facetten an Evans Wirken entdecken, vor allem die Arbeiten aus der Zeit vor seiner Auftragsarbeit für die Farm Security Administration (FSA), wie z.B. die Fotografien (und sogar ein Film) die während seiner Reisen nach Kuba und Haiti entstanden. Auch seine Arbeiten für das Fortune Magazine und Vogue waren mir weitgehend unbekannt. Gezeigt werden ausschließlich Original-Prints aus der Sammlung von Clark und Joan Worswick.

Die Austellung ist Teil der Fotoszene Köln, die Zeitgleich zur Photokina stattfindet. Und solltet Ihr in Köln sein, dürft Ihr diese auf keinen Fall verpassen. Ein Besuch ist noch bis 20. Januar 2013 möglich.

Was waren Eure Highlights der Photokina?

Till Schramm: Till ist Fotograf, Blogger und Betreiber dieses Blogs. Sein Interesse gilt der Dokumentarfotografie, insbesondere klassischer Streetphotography, dem New Color Movement und dokumentarischer Landschaftsfotografie.

View Comments (7)

  • Danke für den Bericht... hast Du zufällig die äußeren Liniensensoren der EOS 6D getestet. Fokussieren diese zuverlässig?

  • Danke für den ausführlichen Besuchsbericht. Ich habe es leider nicht geschafft gestern. Bzgl. der Sony RX1 kann ich Dir nur voll zustimmen. Das innovative und puristische Kamera-Konzept spricht mich ebenfalls voll an. Hätte eigentlich von Leica kommen müssen, die werden nun auf den Umsatz verzichten.

  • Interessante Entwicklungen. Ein Trend scheint dann aber wohl noch nicht zur Photokina geschwappt zu sein: iPad-Photography. Es ist unglaublich wie viele Amis ich gerade mit iPads auf Foto-Pirsch entdecke. Der Vorteil offenbar: der riesige Sucher. Wird Zeit, dass Apple in die Kamera investiert....

    Greetings from USA!

  • Vielen Dank für Eure Rückmeldungen.

    @Alex: Nein, die habe nicht explizit getestet. Am Messestand mit all dem Trubel wäre das aber auch gar nicht unter kontrollierten Umständen möglich gewesen. Was ich sagen kann ist, dass der mittlere Kreuzsensor, trotz des eher Lichtschwachen 24-100mm f/4.0, keine Probleme mit der schwach beleuchteten und kontrastarmen Hallendecke hatte.

    @Georg: Die Sony RX1 ist wirklich klasse und Sony hat dafür bereits jede Menge Zubehör in der Pipeline. Leica hat mit der X2 ist aber auch eine fantastische Kamera im Angebot. Sie hat mir beim ersten Anfassen wesentlich besser als die X1 damals gefallen.

    @Nils: iPad Photography war nicht direkt auf der Messe vertreten. Aber Die Nutzung des iPads für Tethered-Shooting, vor allem im Zusammenhang mit der schnellen Bildkontrolle, ist definitiv ein Trend. Das eröffnet auch neue Möglichkeiten beim Filmen mit der DSLR, z.B. bei der Nuztung des iPad als Monitor. Mit der EOS 6D hat Canon die Zeichen der Zeit erkannt, sie ist ja von Haus aus mit einem WLAN Modul ausgestattet.

  • Der Leica-Stand war wirklich ein Highlight. Und die X2 hat praktisch nichts vom analogen Charme der M-Serie verloren. Mich hat nur der allgemeine Besuchertrubel auf der Photokina etwas gestresst. Zu den verschiedenen Besuchertypen habe ich hier einen witzigen Artikel gelesen, den ich euch nicht vorenthalten möchte: http://www.schock-blog.de/eine-messebesucher-typologie/ .
    Ich habe Tränen gelacht! LG, michael

  • Kommentar zur EOS 6D: "Ansonsten keine Schwächen erkennbar."
    Voll der Brüller, von wegen keine Schwächen; fängt schon beim AF an, welcher eine Frechheit ist für den Preis, dann hätten wir eine 1/4000s, nur (ein) SD Slot, Minieinstellrad etc. etc.
    Schon Scheiße, wenn man Canon Fanboy ist und den Blick für die Realität verloren hat.

  • Lieber MacPaul,

    die Canon 6D bietet Vollformat zu einem angemessenen Preis und richtet sich an Einsteiger und Fortgeschrittene. Wir könnten jetzt trefflich über die Modellpolitik von Canon streiten. Leider ist es so, dass Canon sich (aufgrund nachvollziehbarer wirtschaftlicher Überlegungen) entschieden hat, sein Gehäuse Line-Up so anzulegen, dass es die Eierlegendewollmichsau nicht gibt (das machen andere Hersteller übrigens genauso). Natürlich bieten 1Dx und 5D Mark III den besseren AF, 100% Sucher, Daumenrad, Mikrofonanschlüsse, Doppelte Kartenslots, und kürzere Verschlusszeiten. Dafür bietet die 6D GPS, WLAN und den empfindlichen mittleren Kreuzsensor.

    Als die Canon 5D Mark III eingeführt wurde, haben sich alle über den Preis aufgeregt. Jetzt kommt Canon mit einem sinnvollen Update der 5D Mark II und die Leute sind wieder nicht zufrieden. Wieso tun die Leute immer so, als wären
    die Kamerahersteller verpflichtet, Ihren Kunden genau das zu liefern, was diese wollen? Alles was technisch möglich ist in einem Body unter 1000€, das geht leider nicht. Willkommen in der Realität lieber MacPaul.

    Achja: Vielen Dank für die "Scheiße" und den "Canon Fanboy". Hättest Du den Artikel gelesen, hättest Du gemerkt, dass ich von anderen Systemen/Kameras genauso zugewandt bin und diese nutze.

    Grüße
    Till