Yashica Y35 Review – die digitale Toycamera getestet

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Das hätte wohl keiner geglaubt: Das Kickstarter-Projekt „Yashica Y35“ mit Millionen-Unterstützung wurde tatsächlich zu Ende gebracht, jedoch nicht ohne Skandale und Häme der Internetgemeinde. Ob das Projekt als „erfolgreich“ angesehen werden kann, daran scheiden sich die also die Geister. Ich war damals unter den ersten Unterstützern das Kickstarters.

Mehr zu meinen damaligen Beweggründen, wie ich heute dazu stehe und was ich vom finalen Produkt halte, dazu erfahrt Ihr mehr in dem folgenden Review.

Was ist die Yashica Y35?

Die Yashica Y35 wurde vor einem Jahr als neues (altes) fotografisches Werkzeug vorgestellt, das den Geist der analogen Fotografie ins digitale Zeitalter retten sollte. Kein LCD, falsche Filmkassetten, falscher Spannhebel (der vor dem Bild trotzdem durchgezogen werden muss).

Damit traf das Hongkonger Unternehmen, dass irgendwie an die Yashica Lizenz von Kyocera gekommen war, voll den Geister der Zeit (siehe z.B. die digitalen Leica M-Ds). Man spaltete aber zugleich die Fotografengemeinde: Handelt es sich hierbei um einen Scam, also einen Betrug? Wie sinnvoll ist eine Kamera mit Winzsensor im Smartphonezeitaler? Ist das Konzept nicht etwas lächerlich? Warum nicht gleich mit einer Filmkamera fotografieren?

Je nach den eigenen Erwartungen, die man an eine 120$ Kickstarter-Kamera hat, wird die endgültige Einschätzung wahrscheinlich ganz unterschiedlich ausfallen. Den 4.4000 Kommentaren auf der Y35 Kickstarter-Page zu folge, sind nicht weniger Unterstützer mit ziemlich hohen Erwartungen an die ganze Sache gegangen. Dabei haben die Organisatoren immer relativ offen kommuniziert und dabei sogar einigermaßen den Zeitplan eingehalten. Das war einigen wohl aber zu wenig und so füllte sich die Seite schnell mit negativen Einträgen. Auch jetzt, wo die Kamera ausgeliefert wird, häufen sich die Beschwerden, denn einige Exemplare wurden wohl defekt ausgeliefert. Hier ist jetzt der Hersteller gefragt, Vertrauen aufzubauen.

Ich für meinen Teil bin eher mit der Erwartung ran gegangen, dass das Projekt womöglich scheitert und das Geld weg ist. Das Unterstützen solcher Projekte verbuche ich unter „Spielgeld“, auf das man im Ernstfall verzichten kann. Wir reden hier von Kickstarter – das Risiko des Scheiterns ist also groß. Immerhin wurde hier überhaupt irgend etwas abgeliefert.

Das Design

Von weitem sieht die Yashica erst einmal aus wie einer „normale“ Messsucherkamera aus den 60er /70er Jahren (Vorbild Yashica Electro 35). Einige der Elemente sind jedoch ohne Funktion: Der Hotshoe (Coldshoe) und der Rückspulhebel sind Zierelemente. Der Fokusring am Objektiv ist Fix, der Sucher nur ein Fenster.

Von der größer her erinnert die Kamera an eine Minolta 7sII. Als Kamera im Regal mag sie auf dort jeden Fall zu gefallen und macht sich gut neben anderen (analogen) Schätzen. Nimmt man sie in die Hand, hat die Kamera allerdings eine sehr billige Toycamera-Haptik und das Gewicht ist sehr gering, so dass sie manchmal etwas verloren am Hals baumelt und z.B. bei schnellen Schritten nervös am Körper auf und ab hüpft. Zumindest die Ösen für den Kamera Gurt, die Kameraspannhebel und der Auslöser sind aus Metall.

Hinten findet sich das „Filmfach“ in das zwei AA Batterien und der digiFilm eingelegt werden können, der den Aufnahmen einen bestimmten Filter aufsetzt (Farbfilm, Farbfilm mit Korn, 1:1 Bild, S/W siehe Beispiele unten). Das Ganze ist leider etwas wackelig gebaut, sodass man immer etwas Angst haben muss beim „Film“-Wechsel die komplette Tür aus der Aufhängung zu reißen.

Auf der Bodenplatte findet sich dann eine Tür, hinter dem sich das SD-Kartenfach und der Micro-USB Anschluss befindet. Der SD Kartenslot ist bei meinem Exemplar derart gebaut, dass von meiner SD Karte erst einmal ein Stück abgeriebe/abgerissen wurde (irgendwo muss da ein scharfes Metallteil sein), was die Funktion aber nicht beeiträchtigt.

Ein Rad zur Belichtungskorrektur gibt es auch.  Ich kann zur Funktion aber nicht sagen.

Die Bedienung

In Sachen Bedienung herrscht Simplizität. Spannhebel betätigen, draufhalten und auf den Auslöser drücken. Scharftstellen ist nicht gefordert oder möglich (Fix Fokus, die Hyperfolkale Distanz sollte so bei ca. 80cm liegen). Wobei beim Auslösen Obacht geboten ist: Man muss den Auslöser schon bewusst richtig tief runterdrücken (sonst gibt es kein Foto), zudem nimmt der Sensor erst dann ein Bild auf, wenn der Auslöser wieder losgelassen wird (was schon ziemlich kurios ist). Jetzt ertönt ein elektronisches Auslösegeräusch. Damit ist das Foto aber nicht nicht gemacht, da es eine Auslöseverzögerung gibt (ca. 500ms) und je nach Lichtverhältnissen auch noch die Belichtungszeit On-Top kommt. Es lohnt sich, nach Drücken auf den Auslöser noch einen Sekunde zu verharren, damit das Bild wirklich scharf ist.

Missachtet man dies, endet die Aufnahme in kurios verzerrten Bildern. Die Kamera hat nämlich einen elektronischen Verschluss, der zu der typischen „rolling shutter“ Effekt führt.

Die Bildkomposition ist übrigens mehr so „Pi mal Daumen“. Das Bild im Sucher entspricht vom Bildwinkeln nicht so wirklich dem des Objektivs.

Rolling Shutter, wenn die Kamera zu viel bewegt wird.

Die Qualität der Fotos

Die Bilder, die die Kamera produziert, liegen in der Qualität ungefähr bei „durch einen Flaschenboden mit einem Smartphone Anno 2010“ geknipst. Hier darf wirklich nicht viel erwartet werden:

  • Sehr starkte Tonnenverzerrung
  • Chromatische Abbaerationen
  • Starkes Bildrauschen

Das künstliche Filmkorn (insbesondere mit dem 1600 Film) kommt dann noch dazu. Wie man mit diesen „Fehlern“ umgeht, und ob jemanden das stört, hängt vollkommen von der Erwartungen ab. Als Toy-Camera ist das in meinen Augen vollkommen in Ordnung.

Fazit: Filmfeeling kommt auf – trotz der Defizite

Tja, was macht man nun aus dieser Kamera? Irgendwie ist das alles ziemlicher billig verarbeiteter Schrott mit schlechter Bildqualität. Ist die Kamera nun 120 Euro oder mehr Wert?

Wohl eher nicht. Andererseits hatte ich für die paar Stunden, die ich die Yashica bisher dabei hatte, auch ziemlich viel Spaß. Mit Spannhebel und ohne LCD kommt tatsächlich etwas Film-Feeling auf. Entgegen mancher Reviews und Kommentare ist mir (noch) nichts an der Kamera kaputt gegangen.

Etwas Ernüchterung erfolgt dann, wenn man die Bilder in Lightroom öffnet. Dort zeigen sich dann alle Schwächen des Objektivs. Für kleine Abzüge oder Instagram wird es aber reichen.

Sollte es jemals eine zweite Version der Kamera geben, müsste „Yashica“ einige Verbesserungen vornehmen, damit sich der Preis der Kamera lohnt:

  • Hochwertigeres Plastik verwenden
  • Auslöser sollte bereits beim Drücken auslösen
  • Audiosignal, wenn sich der (elektronische) Verschluss öffnet und schließt
  • Fokus Anpassung (z.B. eine Nah- und eine Ferneinstellung) ermöglichen
  • Den Codlshoe durch einen Hotshoe ersetzten. Ein Blitz würde die Einsatzmöglichkeiten deutlich erhöhen.

Arbeitet der Hersteller weiterhin konsequent an dem Konzept, könnte daraus tatsächlich einmal eine interessante Bereicherung der Kameralandschaft werden (und ganz nett irgendwo zwischen analoge Holga, Epson RD-1 und Leica M-D passen).

In dem jetzigen Zustand muss aber jeder schon genau überlegen, ob einem der Spaß das Geld wert ist. Liebhaber von Toycameras können sich die Yashica Y35 aber auf jeden Fall genauer anschauen.

Bildergalerie

(ohne weitere Bearbeitung aus der Kamera)

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Der Autor

Till ist Fotograf, Blogger und Betreiber dieses Blogs. Sein Interesse gilt der Dokumentarfotografie, insbesondere klassischer Streetphotography, dem New Color Movement und dokumentarischer Landschaftsfotografie.