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Oktober 19, 2011 Keine Kommentare

Photography Calling: Ausstellung im Sprengel Museum Hannover

Photography Calling Hannover im Sprengel Museum

Das Sprengel Museum in Hannover öffnet derzeit seine Tore für die überaus interessante Ausstellung Photography Calling. Die Räume des Museums für moderne Kunst werden genutzt, um die erste große Fotografie-Ausstellung seit der Ausstellung How you look at it im Jahre 2000 zu präsentieren. Ausgestellt werden verschiedene bekannte Fotokünstler, aber auch bisher weniger bekannte Fotografen und Arbeiten. Die Ausstellung ist ein Pflichttermin, nicht nur für Freunde der Fotografie.

Die Ausstellung wird mit Unterstützung der Niedersächsischen Sparkassen Stiftung realisiert. Diese besitzt eine umfangreiche Sammlung internationaler Arbeiten unterschiedlicher Künstler. Der Schwerpunkt der Ausstellung Photography Calling liegt auf der Dokumentarfotografie. Bis zum 15. Januar 2012 habt Ihr noch die Möglichkeit, Euch die Ausstellungen anzusehen. Bevor ich im Detail auf die Ausstellung eingehe, möchte ich einen kleinen Exkurs vorwegnehmen.

Was ist Dokumentarfotografie?

Was unterscheidet Dokumentarfotografie von anderen fotografischen Stilen? Die Wurzeln liegen in den 1930er Jahren. Damals machte sich eine eine Gruppe von Fotografen, im Auftrag der amerikanischen Farm Security Administration (FSA), selber Teil von Roosevelts New Deal Konjunkturprogramm, an die Arbeit, das Leben der US-amerikanischen Landbevölkerung mit dem Fotoapparat aufzuzeichnen. In den Anfängen stand also tatsächlich die Erstellung des Dokuments, als Beleg für einen Zustand im Vordergrund der Arbeit der Dokumentarfotografie.

Synonym für die Arbeit der FSA Fotografen: Migrant Mother.
Bild: Dorothea Lange, Farm Security Administration

Die Dokumentarfotografie unterscheidet sich vom Fotojournalismus durch das Fehlen eines tagesaktuellen Anlasses und einen Auftraggeber, typischerweise eine Print-Publikation, wobei beide eine ähnliche Bildsprache heranziehen. Dadurch hat der Dokumentarfotograf Zeit, sich den Themen und Subjekten umfassender und persönlicher zu nähern.

Seit den 70er Jahren fand die Dokumentarfotografie Einzug in die Kunstszene. Damit rückte auch die Frage nach der Authentizität und Zweck des Dokuments in den Hintergrund, eine Kontroverse, die die Pioniere der FSA noch lange plagte (siehe die Kühschädel-Kontroverse). Die Dokumentarfotografie veränderte sich, doch der dokumentarische Stil blieb, jedoch wird das Subjektive an der Sichtweise eines jeden Fotografen akzeptiert und geschätzt. Damit stieg wohl auch die Museumstauglichkeit und Akzeptanz der Werke im Kunstmarkt.

Walker Evans, Teil der FSA Fotografen, sagte übrigens über den Zusammenhang zwischen Dokumentarfotografie und Kunst:

Documentary photography has nothing whatsoever to do with art. But it is an art for all that.

Aktuelle Dokumentarfotografie zeichnet sich durch einen Hang zum Formalismus in der Bildsprache und bietet Schnittmengen mit konzeptioneller Kunst. Vorreiter dafür ist die an der Neuen Sachlichkeit orientierte Düsseldorfer Schule (u.a. Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky, Thomas Demand, Thomas Struth), die bei Photography Calling ebenfalls zahlreich vertreten ist.

Die Ausstellung Photography Calling

Nun stellt schickt sich also das Sprengel Museum Hannover an, die dokumentarische Fotografie in einem musealen Kontext zu präsentieren.

Die Liste der ausgestellten Positionen, wie es so schön im Kuratorendeutsch heißt, zeigt eine große Bandbreite. Jeder der gezeigten Fotografen und entwickelte auf seine Weise das dokumentarische Konzept weiter. Beispiele gefällig? Bernd und Hilla Becher, Lee Friedlander, Robert Adams, Andreas Gurski, Thomas Demand, Thomas Ruff, Thomas Struth, William Eggelston, Martin Parr und so weiter und so weiter. Die Liste der ausstellenden Fotografen liest sich wie ein “Who is Who” der bedeutendsten Dokumentarfotografen seit dem Fotografen wie Walker Evans und später Robert Frank arbeiteten und so den dokumantarfotografischen Stil prägten.

Installationsansicht der Ausstellung PHOTOGRAPHY CALLING! im Sprengel Museum Hannover
Fotografen: Aline Gwose / Michael Herling, Sprengel Museum Hannover
mit Werken von Stephen Gill (links) und Paul Graham (rechts)
Für die Werke von Stephen Gill:
aus Coming up for Air, 2008–09
Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover
© Stephen Gill
Für die Werke von Paul Graham:
Ohne Titel (New York/ North Dakota), 2005
aus A Shimmer of Possibility, 2005–06
Pigment ink print
Installationsansicht
Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover
Courtesy carlier | gebauer, Berlin
© Paul Graham

Verbunden werden die unterschiedlichen Ansätze, in dem immer 2 Arbeiten – auch räumlich – gegenüber gestellt werden. Das lädt dazu ein, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Arbeiten für sich zu entdecken. Leider muss ich auch ein wenig Kritik anbringen. Zwar gibt die Ausstellung einen einmaligen Überblick über 50 Jahre Dokumentarfotografie, manchmal erscheint die Auswahl der Arbeiten jedoch etwas beliebig. Klar, die großen Namen sind alle vertreten. Mir fehlt jedoch der rote Faden, ein übergreifendes Konzept, dass alle Künstler und Serien mit einander verbindet. Wobei ich hier nur einen ersten Eindruck wieder geben kann. Sobald ich mich intensiver mit der Ausstellung auseinander setzten konnte, revidiere ich meinen Eindruck vielleicht.

Wirklich spannend sind hingegen die in den Projekträumen realisierten Arbeiten, da sich die Künstler hier mit neuartigen Konzepten ausleben dürfen. So schließt der Kreis zu den bereits erwähnten „Klassikern“ und Wegbereitern, die in den regulären Ausstellungsräumen gezeigt werden. In den Projekträumen präsentieren Thierry Geoffrey, Markus Schaden und Wilhelm Schürmann ihre Arbeiten.

Eingeläutet wurde Photogaphy Calling übrigens mit einer sympathischen Eröffnungsveranstaltung, der Photography Night. An diesem Abend fanden Vorträge, Konzerte, Poetry Slams und Filmvorführungen in Verbindung mit den Ausgestellten Arbeiten statt. Dazu kamen Führungen durch die Ausstellungen mit den Kuratoren Thomas Weski und Inka Schube.

Ich widmete mich an diesem Abend besonders den Vorträgen und wurde mit einem tollen Vortrag von Rineke Dijkstra belohnt, die insbesondere ihre Portraitarbeiten von Jugendlichen an Stränden weltweit, vorstellte.

Stephen Gill
Ohne Titel
aus Coming up for Air, 2008–09
C-Print
61 x 41 cm
Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover
© Stephen Gill

Ganz besonders gefallen hat mir außerdem, dass die Neuentdeckung des Festivals, Stephen Gill, einen Vortrag hielt. Zum ersten Mal stolperte ich bei dem Fotofestival Rencontres d’Arles im Jahre 2010 über seine Arbeit, als der Fotograf, in einem zweieinhalbstündigen Marathon-Vortrag, die Vielzahl und Bandbreite seiner unterschiedlichen Arbeiten vor kleinem Publikum präsentierte. Schön, dass dieser vielseitige Künstler nun auch in Deutschland Anerkennung erfährt.

Stephen Gill realisiert vornehmlich mit seiner Heimat, dem Londoner Stadtteil Hackney, verbundene Arbeiten. Dabei greift er Aspekte des alltäglichen Lebens auf und porträtiert immer wieder neue Facetten „seiner“ Gegend. Immer dem dokumentarfotografischen Stil treu bleibend, setzt er dabei oft auf strenge und reduzierte Kompositionen, wie z.B. in den Arbeiten A Series of Disappointments und Off Ground. In Hannover wird seine Arbeit, Coming Up for Air gezeigt, für die Gill in Japan unterwegs war und mit seinem typischen Blick, Alltägliches in spannenden Bildern einfing.

Wenn Ihr also in Hannover wohnt, geht hin und schaut Euch unbedingt die Ausstellung Photography Calling an. Wenn nicht, geht trotzdem hin, denn eine Präsentation einer so umfassenden Sammlung zum Thema Dokumentarfotografie wird es so schnell nicht wieder geben.

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